Verzweifelte Menschen graben im meterhohen Schutt nach ihren Angehörigen, wo binnen Minuten Tausende starben: Apokalyptische Szenen bieten sich SPIEGEL-Reporter Ullrich Fichtner im Epizentrum der Erdbebenkatastrophe im chinesischen Beichuan. Dann erlebt er mit, wie plötzlich Panik ausbricht.
Beichuan - Yang Li unterdrückt ihre Tränen auf dem Weg nach Beichuan. Sie hat sich an einer Straßensperre mit ihrem Mann und einem zweiten Paar ins Auto gedrängt, nun sitzen sie aufeinander, stoßen sich die Köpfe am Autodach, sie erwarten das Schlimmste. Die Fahrt geht durch steiles Hügelland, wie Zuckerhüte stehen die schönen Berge von Sichuan an der Strecke. Flüchtlingslager, kleine Zeltdörfer säumen den Weg. Auf der Straße rollen Konvois in endloser Kette, Militärlaster, freiwillige Helfer in Bussen. In Beichuan wird jede Hand gebraucht.
"Es dauerte nur zwei Minuten", sagt Frau Li, "aber danach war die ganze Stadt tot." Sie und ihr Mann betrieben einen Gemüseladen bis zum vergangenen Montag um Punkt 14.28 Uhr, als sich hier der Boden auftat. Im Chaos der allgemeinen Flucht wurde auch das Paar vertrieben. Sie schafften es wohl erst noch bis zum Kindergarten, oder bis zu der Stelle, wo einst ein Kindergarten war, aber sie konnten nicht lange suchen nach ihrem fünfjährigen Sohn Wang Tong Tian.
Andere Kinder, wenige, und einige Lehrer wurden aus der obersten Schicht aus Steinen und Dächern und Mauern gezogen, viele verwundet. Sie mussten schnell in Sicherheit gebracht werden, und so fanden sich auch Frau Li und ihr Mann bald mit zwei fremden Kindern auf dem Arm wieder, rannten mit ihnen die Hügel hinauf in der Masse der anderen. Droben, wo noch Straße war, zwängten sie sich auf die Ladefläche eines Lasters und wurden nach Myanmang gebracht, wo im Sportstadion im Laufe der Tage das große Flüchtlingslager für 15.000 Menschen wuchs.
Seit sechs Tagen nun haben sie verzweifelt auf eine Mitfahrgelegenheit gewartet, um endlich zurückzukehren nach Beichuan, um endlich Nachrichten von ihrem Kind zu bekommen oder wenigstens, sagt Herr Li, "seine Leiche zu bestatten". Seine Frau sagt, sie werde die Sekunde nie vergessen, "als die Berge ineinander stürzten", sie macht eine Geste, als würde sie die Hände ineinander verkneten, "so war es", sagt sie, "die Berge stürzten ineinander". Sie klingt wie eine verängstigte, von Trauer verwirrte Frau. Aber wer es nach Beichuan schafft, muss feststellen, dass jedes ihrer Worte stimmt.
Die letzten acht Kilometer sind auf Motorrädern zu bewältigen, mit drei, vier Leuten auf kurzen Sitzbänken, nur Armee und Rotes Kreuz dürfen mit größeren Fahrzeugen passieren. Die Landstraße zeigt bald erste, klaffende Risse, und es liegen Findlinge im Weg, groß wie Schiffscontainer. Sie haben Autos zerschlagen, Kleinbusse ins Tal gestürzt, es regnete große Brocken, halbe Berge, als hier die Erde bebte. Der letzte Weg, zu Fuß hinunter ins enge Tal von Beichuan, gleicht einem Abstieg in die Hölle. Es ist eine Szenerie, als wäre ein Tsunami durch diese Berge gerollt.
Als die Berge einstürzten
Von der Höhe bietet sich ein katastrophales Panorama. Die Stadt, die einmal 20.000 Einwohner hatte, mit einer hübschen Promenade entlang des Sees, ist zu 80 Prozent zerstört, dem Erdboden gleich gemacht, und tatsächlich stimmt die Beschreibung, dass "die Berge ineinanderstürzten". Das Beben löste offenkundig verheerende Steinschläge aus, Erdrutsche, Lawinen, die von den zwei Bergen südlich und nördlich des Stadtzentrums kamen. Ihre Massen trafen sich ungefähr dort, wo der Kindergarten war und, gleich nebenan, die Realschule von Beichuan. 500 Kinder in der Schule, 300 kleinere Kinder im Haus daneben.
Die Landstraße, die den Ort im Norden säumte, ist auf gut zwei Kilometern abgebrochen, wie fortgespült. Gewaltige Felsbrocken krachten in die Fassaden der Ladenzeile entlang des Flusses, in den großen Karaoke-Palast, in Metzgereien, Apotheken, Wohnhäuser. Von Süden her rutschte die Bergwand auf noch breiterer Front zu Tal, hier kletterten Frau Yang und ihr Mann in die Trümmerberge, Rauch steigt noch immer auf, wo der Kindergarten war, der Berg aus Schutt und Steinen dort erreicht an die 40 Meter Höhe. Im Ort sagen sie, dass 4000 Menschen überlebt haben, dass ein-, zweitausend Leute am Tag des Erdbebens nicht zu Hause waren. Sechs Tage nach Beginn der Rettungsaktionen, als nicht mehr viel Hoffnung auf Rettung besteht, heißt das, dass in Beichuan 14.000 oder 15.000 Menschen starben, binnen zwei Minuten.
Frau Yang und ihr Mann sind am Samstag nach der Ankunft erst stundenlang nicht zu sehen, sie treiben sich beim Kindergarten herum, mit vielen anderen Eltern. Dann sieht man sie sitzen, mit leeren Augen, vor einem Rot-Kreuz-Zelt. Sie kauen Traubenzucker. Es erübrigt sich die Frage, ob ihr Sohn oder seine Leiche gefunden wurde. Sie winken ab, es gibt nichts mehr zu sagen.
Hundertschaften von Polizei, Feuerwehr, Armee sind im Tagesverlauf in die Stadt eingerückt. Es ist, als hätte der Besuch von Chinas Staatspräsident Hu Jintao am Vortag alle noch einmal angespornt. Sie haben sich im Fernsehen gesehen, gefeiert als Helden der Nation, jetzt bewegen sie großes Gerät, Kräne, Bagger durch die Trümmer. Aber am Mittag schon macht das Gerücht die Runde, dass der Ku-Zu-Damm nördlich der Stadt womöglich nicht halten könnte. Die ausgiebigen Regenfälle der vergangenen Tage hätten den Pegel des Stausees zu hoch steigen lassen, die Dammkrone sei fast erreicht, der Druck auf die rissigen Mauern vielleicht zu stark.
Menschen und Tiere rennen um ihr Leben
In Radio und Fernsehen berichten sie - chinesische Staatsreporter sind vor Ort -, dass seit Montag Tausende kleine und 143 große Nachbeben gezählt wurden, davon über die Hälfte stärker als 5 auf der Richterskala. In der nahen Provinzhauptstadt Chengdu, elf Millionen Einwohner, bebt im Wochenverlauf nachts regelmäßig die Erde, viele Bewohner sind in Zelte auf der Straße umgezogen, gebaut aus blau-weiß-roten Nylonplanen. In der Nacht von Freitag auf Samstag wackelt der Boden in Chengdu einmal um 2 Uhr, dann noch einmal um 4 Uhr in der Früh. In Beichuan kann jeder Stoß neue Felsen aus den Bergen brechen. Und jeder Schlag bedroht den Staudamm von Ku Zu. Um 14 Uhr am Samstag dröhnen Lautsprecheransagen durch die Trümmerlandschaft der kleinen Stadt. Soldaten, Anwohner, Helfer lassen ihre Geschäfte liegen und laufen um ihr Leben.
Man kann Tiere beobachten, Ziegen, Hunde, die mit sich sträubendem Fell die Hügel hinaufsteigen. Das gesamte Tal wird evakuiert, Panik entsteht, Militärs schieben die Menschenmassen vor sich her, alle drängen den einzigen verbliebenen Trampelpfad hinauf in die obere Stadt, sie schieben sich über die Stücke Landstraße, die noch intakt sind, hangeln sich an Bäumen hoch und höher, nur fort aus dem Tal. Bricht der Damm? Kommt nun auch noch das große Wasser?
Es ist, seit Samstagnachmittag, niemand mehr in Beichuan, um darüber zu berichten.
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